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Peter Frank hängt an seinem Wohn- und Heimatort.

Bericht der Freien Presse: Blick ins Böhmische Erzgebirge

"Ich bin Deutschböhme"
Erschienen am 15.06.2015 3 Kommentare
Peter Frank hängt an seinem Wohn- und Heimatort.
Peter Frank hängt an seinem Wohn- und Heimatort.
Von Oliver Hach (Text und Fotos)

Vor 70 Jahren begann die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Das böhmische Erzgebirge ist bis heute von den Folgen gezeichnet. Doch die Menschen haben inzwischen mit der Geschichte ihren Frieden gemacht. Ein Besuch in Kovarska.
Kovarska/Schmiedeberg. Im "Gasthaus zur blauen Donau" spielt keine Musik mehr, der letzte Walzer ist lange verklungen. Hier oben auf dem Kamm des Erzgebirges ist die Donau ja auch weit weg. Doch der Schriftzug an der Fassade des einstigen Tanzlokals hat alle Zeitenwenden überdauert. Unter abblätternden Farbschichten treten die Lettern wieder hervor. Die Geschichte lässt sich nicht so einfach übertünchen.
Kovarska ist ein böhmisches Dorf, das viele Besucher im Erzgebirge links liegen lassen. In der Ortsmitte steht die Pfarrkirche von 1710, das Hotel Central, vor dem manchmal ein deutscher Reisebus hält, und ein Museum, das an eine Luftschlacht über dem Erzgebirge im Jahr 1944 erinnert. Hier im Tal des Schwarzwassers, auf 800 Metern Seehöhe, sind die Winter lang. Man kann den Fichtelberg und den Keilberg sehen. Doch die Touristen kommen lieber in die Nachbardörfer an der Grenze, die noch näher an den Gipfeln mit ihren Skigebieten liegen. In Kovarska müssen die Gastwirte Preise für Einheimische machen: Das Bier kostet immer noch weniger als einen Euro.


So nah und doch so fern: Schmiedeberg in Böhmen mit Blick zum Fichtelberg in Sachsen.
"Stagnation", so beschreibt Rudolf Vojtech das Leben hier. Der 59-Jährige leitet die "Grundschule Sergeant Kluttz", benannt nach dem überlebenden Bordschützen eines US-Kampfflugzeugs, das am 11. September 1944 ins Dach der Schule krachte. Gut 90 Schüler lernen hier noch bis zur neunten Klasse - in den untersten Klassenstufen in jahrgangsübergreifendem Unterricht. "Es gibt hier wenig Arbeit, die Leute gehen weg", sagt Vojtech.

So nah und doch so fern: Schmiedeberg in Böhmen mit Blick zum Fichtelberg in Sachsen.
So nah und doch so fern: Schmiedeberg in Böhmen mit Blick zum Fichtelberg in Sachsen.
Kovarska hat noch 1000 Einwohner, die allermeisten sind Tschechen. Vor 100 Jahren lebten hier über 4500 Deutsche. Damals hieß Kovarska noch Schmiedeberg und gehörte zur Monarchie Österreich-Ungarn. Seither mussten die Menschen hier oben immer wieder die Pässe wechseln. 1918 wurden sie tschechoslowakische Staatsbürger deutscher Nation, 1938 Staatsbürger des Deutschen Reichs. Und 1945 waren sie zunächst staatenlos. In dieser Zeit setzte die Entvölkerung der Region ein, von vielen Dörfern blieben nicht einmal Mauerreste.

Lange haben zwei Völker hier über Schuld und Sühne gestritten. Die Mehrheit der Tschechen hält die Vertreibung der Deutschen auch heute noch für gerecht. Das gaben 61 Prozent in einer aktuellen Umfrage an. Die Prager Zeitung schreibt auch, zwei Drittel der Tschechen seien gegen eine Entschuldigung. Aber die meisten sagen, die verübte Gewalt sei ungerecht gewesen.

Auf dem Friedhof in Kovarska sind die tschechischen Gräber bis heute in der Minderheit. Noch immer werden hier Deutsche beerdigt, die in der Fremde gestorben sind. "Familie Elster" steht über einer aufwendig gestalteten Gruft. Ein anderes Grabmal aus schwarzem Granit mit goldenen Buchstaben gehört der Fabrikantenfamilie Kalla.


Fassaden erzählen alte Geschichten: Das Gasthaus zur blauen Donau.
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Fassaden erzählen alte Geschichten: Das Gasthaus zur blauen Donau.

Elster und Kalla waren große Namen in Schmiedeberg. Anton Elster eröffnete hier 1868 eine Zwirnfabrik, die ihre Erzeugnisse in viele Länder der Donaumonarchie lieferte. Mit der Modernisierung des Betriebs kam 1906 elektrisches Licht in den Ort. Nach 1945 lieferte die Fabrik als Staatsbetrieb noch Schuhzwirn für die gesamte Tschechoslowakei. Geblieben ist davon nichts. Doch das Fabrikgebäude wurde saniert; ein kleiner Gewerbepark entsteht.

Noch berühmter war die Fisch- fabrik Kalla. Ende des 19. Jahrhunderts machte Anton Kalla aus seinem Lebensmittelladen in Schmiedeberg einen fischverarbeitenden Betrieb. Hering aus der Ostsee wurde über die Bahnstrecke Weipert-Komotau angeliefert, in der Nähe des Bahnhofs entstand 1910 eine große Konservenfabrik. Die Firma wurde zum größten Fischverarbeiter in Mitteleuropa. 1943 beschäftigte sie in Schmiedeberg 400 Mitarbeiter.

Heute ist hier die Welt zu Ende. Verlassen liegt die Fabrikantenvilla vor dem Werkstor, im Ort heißt es, ein Russe aus Karlsbad habe das Gebäude gekauft. Auf der Bahnstrecke fahren nur noch an Sommerwochenenden Züge. Der Bahnhof ist eine Ruine, Berge von morschem Bauholz liegen herum. Enthusiasten wollen das Gebäude wieder aufbauen.

Die einstige Fischfabrik heißt bei den Einheimischen immer noch "Kallovka". Ein Prager Elektroteilehersteller hat auf dem Gelände einen Zweigbetrieb eröffnet, 23 Beschäftigte fanden Arbeit. Peter Frank ist der Betriebsleiter. Er wurde 1968 in Kovarska geboren, seine Mutter und sein Vater sind hier begraben. Beide waren Deutsche, die trotz aller Widrigkeiten blieben. Peter Frank sagt: "Ich bin Deutschböhme."


Feinste Liköre: Karl Schröter und Sohn inserierten in der Ortschronik 1923.
Der 47-Jährige wuchs mit Deutsch als Muttersprache und mit der erzgebirgischen Mundart auf. Tschechisch lernte er in der Schule. Der eine Großvater war Stierhalter in Preßnitz - in der Kreisstadt, deren Reste 1974 in einem Stausee versanken, der andere Kutscher in Schmiedeberg. Beide wurden von den Tschechen für unverzichtbare Arbeitskräfte gehalten. Peter Franks Mutter musste Zwangsarbeit auf einem Bauernhof in Preßnitz leisten. Er hat von Erschießungen in den Nachkriegswirren gehört. Weil er als Leiter des Luftschlachtmuseums nach alten Flugzeugteilen gräbt, weiß er: "Die Gräber sind im Wald, aber man soll das ruhen lassen."

Die "wilden Vertreibungen" in Schmiedeberg begannen in der ersten Junihälfte 1945- organisiert von tschechoslowakischer Armee und Revolutionsgarden, mit Unterstützung der Roten Armee. "Der örtliche Militärkommandant unterschrieb ein Ausweisungsdekret, das den Deutschen am Abend vor der Abschiebung übergeben wurde", berichtet der Heimatforscher Jaroslav Kloub. Wieviele Menschen aus Schmiedeberg vertrieben wurden, sei nicht bekannt. "Es gibt keine Statistiken", sagt Kloub.

Feinste Liköre: Karl Schröter und Sohn inserierten in der Ortschronik 1923.
Feinste Liköre: Karl Schröter und Sohn inserierten in der Ortschronik 1923.
Wer blieb, musste eine weiße Armbinde tragen, durfte weder auf dem Bürgersteig laufen noch öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Helmut Kreißl hat das erlebt. Weihnachten 1945 verließ er als 14-Jähriger mit seiner Familie das Haus in Schmiedeberg. "Wir sind bei Nacht und Nebel fort, zu Angehörigen nach Mildenau", berichtet der 84-Jährige, der heute in Annaberg lebt. Seine Familie habe in der Heimat keine Perspektive gesehen. Kreißl ist von der DDR geprägt, wo die Vertreibung lange ein Tabu war. Für ihn ist sie auch heute eine unmittelbare Folge von 1938. Er kramt ein Foto heraus, das den Einmarsch der Wehrmacht in Schmiedeberg zeigt, und sagt: "Erst als die Nazis kamen, war der Hass da."

Helmut Kreißl kommt heute oft in seinen Heimatort. Seit Jahren engagiert er sich für das Behindertenheim in Kovarska. Und er erinnert an das Schicksal jüdischer Häftlinge, die auf einem Todesmarsch im April 1945 durch den Ort kamen und von der SS ermordet wurden. Ihre 49 Gräber befinden sich heute in einer Gedenkstätte auf dem Friedhof.

Vertriebene in Westdeutschland, wie die Nachkommen der Familie Elster, bringen sich auf andere Weise ein. Sie halfen bei der Sanierung der Kirche, stifteten die Glocken. Jedes Jahr organisieren sie aus Hessen eine Heimatfahrt. In ihren Berichten im Heimatblatt "Mei Erzgebirg" schwingt mehr Nostalgie mit.


Friedhof Kovarska: Letzte Ruhestätte in der Heimat.
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Solche Geschichten kann man auch auf einer Facebook-Seite nachlesen, die Markus Roscher-Meinel eingerichtet hat. Sein Großvater stammt aus Schmiedeberg. Nach dem Ersten Weltkrieg zog er ins nahe Weipert, heiratete in Bärenstein und ging mit seiner Ehefrau in deren Heimat nach Westfalen.

Friedhof Kovarska: Letzte Ruhestätte in der Heimat.
Friedhof Kovarska: Letzte Ruhestätte in der Heimat.
Markus Roscher-Meinel arbeitet als Rechtsanwalt in Berlin, doch sein Herz hängt an Schmiedeberg. Regelmäßig reist der 52-Jährige mit seiner Ehefrau, einer Klingenthalerin, ins böhmische Erzgebirge. Dann steht er vor den alten Häusern, sucht nach Resten deutscher Inschriften und fragt sich: "Was haben diese Wände für Leid gesehen?" Vom Haus der Großeltern ist nichts geblieben, doch er möchte das Grundstück kaufen. Roscher-Meinel sagt, die Siedlungspolitik der Tschechen sei nicht gut gewesen. Er bedauere, dass die Deutschen hier nicht weiter leben durften. Aber mit Re-Germanisierung habe das nichts zu tun. "Es ist Sentimentalität."

Die Menschen in Kovarska denken über die Geschichte heute wenig nach. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen? "Da gibt es keine Probleme", meint Miloslava Dolenská. Die 33-Jährige leitet die Pension Avionika, eine neue, moderne Herberge, die auf mehr Gäste hofft in der schönen Gebirgslandschaft, die nach dem Waldsterben wieder grün geworden ist. Sie mag die deutschen Touristen lieber als die Holländer, die sich oft nicht benehmen könnten. Schulleiter Rudolf Vojtech, der selbst eine deutsche Mutter hatte, sagt: "Es gibt überall gute und schlechte Menschen." Was seine Schüler im Geschichtsunterricht über die Vertreibung der Deutschen lernen, weiß er nicht. "Ich unterrichte Geografie und Sport."

Peter Frank ist froh über die offenen Grenzen. Er fährt oft nach Sachsen, um einzukaufen und Freunde zu besuchen. Nach der Wende hatte er versucht, in Bayern Arbeit zu finden. "Doch dort wurde ich nie als Deutscher anerkannt. Für die war ich immer ein Tscheche." Heute ist Peter Frank mit einer Tschechin verheiratet, seine beiden Söhne lernen in der Schule als erste Fremdsprache Deutsch. Er schwärmt vom "Leben in zwei Kulturen" und ist glücklich in Kovarska, in Schmiedeberg. "Weil das hier meine Heimat ist."
Vom Münchner Abkommen zur Vertreibung der Sudetendeutschen

"Über uns, ohne uns" - so beschreiben die Tschechen das Münchner Abkommen, mit dem am 30. September 1938 von Großbritannien, Frankreich, Italien und Nazi-Deutschland die Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich beschlossen wurde. Es war der erste Schritt zur Zerschlagung der Tschechoslowakei, 1939 rückte die Wehrmacht auch im Rest des Landes ein. Diesem Unrecht sollte 1945 ein anderes folgen.

Etwa drei Millionen Deutsche mussten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Tschechoslowakei verlassen. Im Mai und Juni 1945 kam es zunächst zu so genannten "wilden Vertreibungen". Nach einem Dekret von Staatspräsident Edvard Beneš begann im Januar 1946 schließlich die planmäßige Aussiedlung. Nach Angaben einer deutsch-tschechischen Historiker-Kommission starben dabei zwischen 20.000 und 30.000 Menschen. Etwa 250.000 Deutsche, unentbehrliche Facharbeiter oder Gegner des Nationalsozialismus und ihre Familien, durften zunächst bleiben. Viele wurden jedoch 1947 und 1948 zwangsweise ins Landesinnere umgesiedelt.

In einer zweiten Welle verließen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 noch einmal viele Deutsche die Tschechoslowakei und gingen nach Westdeutschland.
 
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