Seminar „Ankommen“ - Homepage der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bayreuth

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Jahr 2018
v.l.n.r  Manfred Kees, Gerda Mühlbacher, Dr. Wolfgang Hegel (Bezirk Oberfranken),
Margaretha Michel, Prof. Dr. Günter Dippold, Frank Altrichter
SL Bezirk Oberfranken

Seminar „Ankommen“
Zur Integration von Heimatvertriebenen in Franken


Auf die Spur der Heimatvertriebenen nach ihrer Ankunft in Franken machte sich eine Tagung auf Kloster Banz. Worin fand die Integration der Heimatvertriebenen ihren bildhaften Ausdruck? Welche Hindernisse gab es zu überwinden, in fremder Umgebung anzukommen? Und wie haben die Neubürger die Gesellschaft dauerhaft geprägt? Ein sehr interessantes und aufschlussreiches Zweitages-Seminar nahm sich auf Einladung der Hanns-Seidel-Stiftung und dem Kooperationspartner Bezirk Oberfranken diesen und mehr Fragestellungen auf Kloster Banz (Landkreis Lichtenfels) an und gab unter dem Titel „Angekommen“ Antworten zur Integration der Heimatvertriebenen in Franken.
Um es vorweg zu nehmen, das angestrebte Ziel wurde mehr als erfüllt. Bestückt mit 17 hochkarätigen Referenten zog die Zeit der Vertreibung und Eingliederung nochmals an den rund 40 Teilnehmern vorbei.
In einem Impulsreferat führte der Heimatpfleger des Bezirks Oberfranken, Prof. Dr. Günter Dippold, in die Gesamtthematik ein. Er schilderte eindrucksvoll die jahrelang andauernden katastrophalen Verhältnisse bei der Unterbringung der Flüchtlinge in den Landkreisen Lichtenfels und Staffelstein, die Baracken- und Wohnraumschwierigkeiten bei manchmal nur fünf Quadratmeter großen Räumen für ganze Familien. Noch sechs Jahre nach Kriegsende sprach der Staffelsteiner Landrat über die örtliche Wohnraumsituation von einer „Volksnot“. Dippold nannte die mangelnde Lebensmittelversorgung, die oft nicht eben empathische Aufnahme der Vertriebenen durch die einheimische Bevölkerung und die anschließenden Schritte zu einer gemeinsamen und erfolgreichen Integration.
Die renommierten Fachwissenschaftler der Tagung beleuchteten sodann das Thema aus unterschiedlicher Perspektive.
Da war zunächst daserste rein physische Ankommen nach der Vertreibung, oft in sogenannten Grenzdurchgangslagern. Die Leiterin des Museums Bayerisches Vogtland in Hof an der Saale, Sandra Kastner, verdeutlichte dies sehr illustrativ anhand eines der großen Durchgangslager an der bayerisch-böhmischen Grenze, dem Lager Hof-Moschendorf. Dieses entwickelte bei einer Fassungskapazität von 6.000 Personen schnell „dorfähnliche Strukturen“ – mit einer Notkirche, Lagerapotheke, einem Kinderheim, eigener Post- und Polizeidienststelle, Schule und anderen Einrichtungen. Allein das Durchgangslager in Hof an der Saale durchliefen 2,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene. Auch eine Verwaltungsaufgabe gigantischen Ausmaßes. Bayern schuf dafür eine eigene Sonderverwaltung, die Landesflüchtlingsverwaltung, mit zeitweilig bis zu 166 Flüchtlingskommissaren auf Kreisebene im Freistaat. Sie, die Flüchtlingskommissare, waren die „Gesichter, Krisenmanager, Weichensteller und Problemlöser der Ankunft und Integration“ meinte der oberfränkische Historiker Dr. Peter Zeitler.
In Anbetracht der existenziellen Not der Vertriebenen spielte die Integration in religiös-kultureller Hinsicht eine maßgebliche Rolle. Pfarrerin Barbara Dietzfelbinger sprach mit Blick auf die örtliche Situation in Nürnberg-Schafhof von der Etablierung eines „Klein-Schlesien“ in der dortigen Wohnsiedlung. Hier hätten die Vertriebenen ihren ureigenen Dialekt pflegen und das Wohnumfeld als Ersatz für die realiter verlorene Heimat empfinden können. Claudia Mühlbacher, Pfarrerin in der Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau, schilderte die pastorale Betreuung nach dem Krieg in der evangelischen Kirche. Auf Grundlage zeitgenössischer Quellen sei festzustellen: „Es wurde in Gottesdiensten viel geweint“. Predigten hätten oft auf biblische Fluchtgeschichten Bezug genommen. Der Leiter des Erzbischöflichen Archivs Bamberg, Dr. Andreas Hölscher, selbst Nachfahre einer Familie aus dem schlesischen Glatz (heute Kłodzko), berichtete vom hohen Anteil an Heimatvertriebenen im Erzbistum Bamberg. Lag der Anteil hier im Jahr 1947 bei 36 Prozent aller Katholiken, so war dieser im Bistum Augsburg (18 Prozent) und im Erzbistum München (14 Prozent) deutlich geringer. In Oberfranken gab es zugleich eine ungleiche Verteilung zwischen den Dekanaten. Zu den Spitzenreitern bei der Aufnahme an Heimatvertriebenen zählte die katholische Kirche in Hof an der Saale. Apropos Kirchen: Mit der Ankunft der Heimatvertriebenen entwickelte sich ein regelrechter Boom bei Kirchenbauten. Dies erläuterte sehr überzeugend der Heimatpfleger des Landkreises Kronach, Dr. Robert Wachter. So wurden viele neue Gotteshäuser dem Patrozinium eines Heiligen unterstellt, der den Vertriebenen aus ihrer alten Heimat bekannt war. Nach dem böhmischen Schutzheiligen Johannes Nepomuk erhielten beispielsweise die Kirchen in Feilitzsch (Landkreis Hof) und in Laineck (heute Stadt Bayreuth) ihr Patrozinium, die Kirchen in Kulmbach und Oeslau (Landkreis Coburg) nach der Heiligen Hedwig von Schlesien.

Eine erstaunliche Entwicklung nahm die Integration in den politischen Parteien. Nur in rudimentären Ansätzen gelang es den Vertriebenen, ihren politischen Anliegen Durchschlagskraft zu verleihen. Oft ging die Flüchtlingsproblematik bei den großen Volksparteien der Nachkriegszeit in der allgemeinen Sozialpolitik auf. Dies referierten anschaulich Richard Büttner (Institut für Zeitgeschichte) mit Blick auf die CSU in Bayern und Dr. Bastian Vergnon (OTH Amberg-Weiden) im Kontext des Verhältnisses von BayernSPD und Sudetendeutschen. Zur Durchsetzung ihrer eigenen Forderungen bedienten sich die Vertriebenen als Folge davon einer eigenen Klientelpartei, dem Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), wie Dr. Daniel Schönwald vom Landeskirchlichen Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern ausführte. In Bayern war der BHE – mit Hochburgen in typischen Vertriebenengemeinden wie Waldkraiburg – an allen Regierungskoalitionen zwischen 1950 und 1962 beteiligt, jedoch auch von nationalistischen Einflüssen nicht frei. Ein Leib- und Magenthema der Partei war der Lastenausgleich, der 1952 auf Bundesebene in Kraft trat und Nachteile durch Vermögensschäden auszugleichen suchte. Laut dem stellvertretenden Leiter des Lastenausgleichsarchivs in Bayreuth, Karsten Kühnel, konnten bis 2014 rund 75 Mrd. Euro an Leistungen gezahlt werden, auch für viele Vertriebene, wie er meinte, eine „historisch beispiellose Leistung für die Bewältigung der Kriegsfolgen und der Integration der Vertriebenen“.
Die Erinnerung an die alte Heimat nahmen die Vertriebenen auch in ihre neue Umgebung mit. Darüber referierte Dr. Elisabeth Fendl vom Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa. Sie nahm die Ikonografie öffentlicher Gebäude in Vertriebenengemeinden in den Blick. Heimatliche Symbolik fungierte, so Fendl, als „Erkennungszeichen“ für die eigene Identität vieler Vertriebener und ihrer landsmannschaftlichen Zugehörigkeit. Sie wies auf das nach Ankunft in Westdeutschland demonstrative Tragen der Tracht hin, die in den Heimatgebieten der Vertriebenen vor Flucht und Vertreibung eine eher untergeordnete Rolle gespielt hätte: „Oft bediente man sich jetzt einer Kultur, mit der man zuhause nichts zu tun hatte.“ Besonderes Gewicht in fremdem Umfeld kam dem heimatlichen Liedgut zu, das die Sudetendeutschen in Singscharen intensiv bis heute pflegen, auch an Sudetendeutschen Tagen, betonte der Leiter des Sudetendeutschen Musikinstituts, Dr. Andreas Wehrmeyer: „Not lehrt singen.“ Weniger auf die Integrationskraft der Musik selbst eingehend, beschäftigte er sich mit der nationalsozialistischen Vereinnahmung der Lieder des mährischen Musikerziehers Walther Hensel, auf den viele Singscharen ihr Repertoire gründen.
Einen Höhepunkt der Tagung bildete ein öffentlicher Abendvortrag des Regionalhistorikers Heinz Pfuhlmann in Zusammenarbeit mit dem Colloquium Historicum Wirsbergense. Der frühere Bamberger Gymnasialdirektor beschäftigte sich mit der Betreuung älterer Vertriebener, einer bislang weitgehend unbeachteten Thematik in der Forschung. Er verdeutlichte dies anhand der temporären Nutzung von Kloster Banz als Flüchtlingsaltenheim seit Ende 1945. Die Caritas gewann sogar Schwestern der Kongregation der „Schulschwestern von Unserer Lieben Frau in Böhmen“ aus der Ordensprovinz Marienbad, um den Betrieb der Einrichtung zu gewährleisten. So halfen Vertriebene selbst ihren Landsleuten. Von dieser stationären Senioreneinrichtung seien, so Bezirksheimatpfleger Professor Dr. Dippold und Pfuhlmann unisono, wichtige Impulse ausgegangen, die Pflege und Betreuung älterer Menschen im gesamten Obermaintal weiter auszubauen.
Eine zufriedene Bilanz zogen die fünf Teilnehmer der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Ihr Dank galt der Bezirksheimatpflege Oberfranken für die Durchführung und Leitung dieses Seminars, im Besonderen dem souveränen Tagungsleiter Dr. Wolfgang Hegel. Frank Altrichter, Medienreferent der SL-Landesgruppe Bayern, bezeichnete die Tagung als „wichtigen und wegweisenden Schritt“, um auf wissenschaftlicher Grundlage die Erinnerung an die Integration der Heimatvertriebenen in Franken wachzuhalten. Zugleich brachten er und SL-Bezirksobfrau Margaretha Michel die Hoffnung zum Ausdruck, die Ergebnisse der Tagung dauerhaft festzuhalten. Dies bestätigte auch Manfred Kees, Pressesprecher der SL Bayreuth: „Es ist ein reizvoller Gedanke, wenn mithilfe der Tagung  junge Menschen angesprochen würden, auf Spurensuche in Oberfranken zu gehen – vielleicht ja gemeinsam mit ihren heimatvertriebenen Großeltern. Noch ist das einige Jahre möglich.“ Auch oberfränkische Schlesier um Hartmut Zurek nahmen an der Tagung teil.
Die Tagung könnte Schrittmacher sein, weitere Maßnahmen der Erinnerungskultur zur Integration der Heimatvertriebenen in Oberfranken anzustoßen. Die 75-jährige Wiederkehr von Flucht und Vertreibung sowie der beginnenden Integration in den Jahren 2020/21 bietet jedenfalls einen günstigen Ausgangspunkt, um im Sinne des gesetzlichen Auftrags nach § 96 Bundesvertriebenengesetz die Bewahrung der Geschichte, des Schicksals und der Kultur der Heimatvertriebenen nachhaltig zu fördern.

Manfred Kees
Frank Altrichter

Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold
Gymasialdirektor a.D. Heinz Pfuhlmann
 
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